ABUSE FORM
Giftige Nachbarn
Posted By :
silviaki
|
Date :
01 Jan 2009 17:07:00
|
Comments :
1
|
|
Karl Frömmel verläßt sein Haus wie jeden
Freitag vormittag gegen zehn Uhr, um,
einem inneren Gesetz folgend, sein Auto
zur nächsten Tankstelle mit Waschanlage zu
fahren. Sorgfältig schließt er die massive
Haustür, läßt ein paar prüfende Blicke über
sein Anwesen wandern, ob auch alles in
Ordnung sei. Ja, es ist alles in Ordnung. Die Fenster fest
verriegelt, die Jalousien gegen die grelle Augustsonne
heruntergelassen, der kurzgeschorene Rasen des
Vorgartens samtflorig zu seinen Füßen, kein nächtlings
entsprossenes Unkraut verunziert die Reinheit der
disziplinierten Materie. Doch dort, auf halber Strecke zur
Garage hinunter, stört die glitzernde Schleimspur einer
Nacktschnecke auf dem gescheuerten Plattenweg
Frömmels ästhetisches Empfinden. Er geht zurück zur
Hausecke, dreht den Gartenwasserhahn auf, rollt den
Gartenschlauch aus und tilgt mit zischendem Wasserstrahl
die Spur der Schnecke für alle Zeiten.
Zufrieden mit dem Ergebnis schreitet er durch den Vorgarten
und holt seinen weißen Ford aus der Garage. Dann
schließt er auch die Garage sorgfältig ab und setzt sich
hinter das Steuer. Die Sonne blendet ihn, seine Hand holt
mit zielsicherem Griff Sonnenbrille und Brillenputztuch
aus dem Handschuhfach. Ein aufklärerischer Rundum-
blick durch ungetrübte Gläser, ein Zurechtrücken seiner
Hutkrempe: Die Optik ist gebilligt, und Frömmel rollt
langsam an. Zwei Kinder kommen ihm auf Fahrrädern
entgegen, er hupt und drosselt seinen Motor. In dieser
zugeparkten Wohnstraße sollte Radfahren verboten sein,
ist seine Meinung; Kinder haben auf der Straße ohnehin
nichts zu suchen.
Mit gestrafften Muskeln wie immer, wenn Kinder sein
Blickfeld kreuzen, umklammert er das Lenkrad seines
Wagens. Das Lenkrad verleiht ihm Halt. Als die Kinder
hinter Parkreihen verschwunden sind, läßt seine Anspannung
nach, und er fühlt erleichtert die Autorität von 70
PS auf sich überfließen.
Fünf Minuten später hat er die Enge der Wohnstraßen
hinter sich, endlich auf einer vernünftigen Durchgangsstraße.
Vor einer roten Ampel wird ihm die Hitze bewußt.
Er öffnet die vorderen Seitenfenster. Der Durchzug tut
gut, auch wenn die Luft nach Abgasen stinkt. An der Tankstelle
ist um diese Zeit nie viel Betrieb. Er stellt sein Auto,
wie jeden Freitag, vor der Waschanlage ab und geht die
vierzig Meter zum Kassenhäuschen, um den Chip zu kaufen.
| ADVERTISING » | High Speed Download | « ADVERTISING |
Recent searches:

Best regards